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Geschwister-Kinder: Altersabstand & Anzahl in Familien

Das Alter der Mutter, und für Geschwister-Kinder Altersabstand und Kinderanzahl, sind wichtige Einflussfaktoren in der Kindheit. Was heißt das aber für die Familienplanung? Für Eltern sind das oftmals entscheidende Gründe, die für oder gegen die Entscheidung von weiteren Kindern sprechen können. Die meisten Frauen in Deutschland sind bei der Geburt ihres ersten Kindes Anfang dreißig. Doch auch der Anteil von über 40-jährigen Erstgebärenden steigt tendenziell an. Durchschnittlich haben Frauen (laut einer Statistik von 2015) in Deutschland 1,5 Kinder. Das erste Kind ist im Alter von 1-3 Jahren, wenn das Zweitgeborene das Licht der Welt erblickt.

Beinahe jede Beziehungskonstellation kommt irgendwann an den Punkt, wo sie sich mit der Kinderfrage auseinandersetzen muss. Will man überhaupt Kinder? Und wenn ja, wie viele? Eine Freundin von mir, die mittlerweile Mitte 40 ist, hat 4 gesunde Kinder. Allesamt sind sie aus medizinischen Gründen per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Zudem wurde jedes Kind mit einem relativ geringen Altersabstand von 2 bis maximal 3 Jahren zum nächsten Geschwisterchen geboren. Als sie mit fast 40 und dann später mit über 40 verkündete, dass bei 2 oder 3 Kindern ihre Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist, musste sie sich viele Vorwürfe aus dem Kreis ihrer Freunde und Verwandten anhören.

Familie mit 2 Kindern
Wie viele Kinder eine Familie hat, hängt von vielen Faktoren ab

Was für manche der wahrgewordene Albtraum ist – eine Großfamilie mit aktiven und quirligen Kindern – ist für diese und viele andere Eltern die Lebenserfüllung. Doch scheinbar ist die Kinderanzahl nicht allein eine Entscheidung innerhalb der jeweiligen Familien, sondern entwickelt sich zunehmend zum gesellschaftlichen Problemthema.

Abstand der Geburten aus medizinischer und wissenschaftlicher Sicht

2017 stellte eine britische Studie nach der Befragung von 17.000 Kindern fest, dass sich der Altersabstand von Geschwistern vor allem auf die Persönlichkeit des jüngeren Kindes auswirkt. Und zwar vor allem in negativer Hinsicht. Denn je größer der Altersabstand zwischen den Geschwistern war, desto mehr beeinflussten die daraus resultierenden Defizite auch das Erwachsenenalter. Als Folge eines großen Altersabstandes zwischen den Kindern von mehr als 5 Jahren, traten im Erwachsenenalter verstärkt Neurosen, Introvertiertheit und eine chaotische Alltagsgestaltung auf (zu lesen in: Psychologie heute: September 17). Bei Altersabständen von 2-4 Jahren waren die jüngeren Geschwister hingegen häufiger anti-sozial und hatten ein gemindertes Selbstwertgefühl.

Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass es bei nah aufeinanderfolgenden Geburten ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten und geringeres Geburtsgewicht (wegen unzureichendem Nährstoffspeicher der Mutter) gibt. Deshalb wird aus medizinischer Sicht ein Mindestabstand zwischen den Schwangerschaften von 12 Monaten empfohlen (s. British Medical Journal 2003)

Geringer Altersabstand bei Geschwistern:

  • Sinnvoll in Betracht zu ziehen bei höherem Alter der Mutter, Problemen mit der Fruchtbarkeit bzw. Schwierigkeiten beim Schwanger werden
  • Hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder gut miteinander spielen können und altersentsprechende Spielsachen teilen
  • Die Geschwister entwachsen etwa zeitgleich dem Kleinkindalter, sodass die Eltern schneller wieder ein unabhängigeres Leben führen können
  • Oftmals muss zur Kita oder Schule nur ein Weg zurück gelegt werden, wenn die Geschwister in derselben Einrichtung betreut werden können
  • Gleiche Freundeskreise erleichtern die Freizeitgestaltung erheblich
  • Ferien und Ausflüge sowie Familienaktivitäten lassen sich einfacher planen, da die Kinder oft ähnliche Interessen haben
  • Durch das intensive miteinander Aufwachsen aufgrund von gleichen Interessen/demselben Freundeskreis o.ä. ist die Chance größer, dass die Geschwister auch im Erwachsenenalter eine enge Beziehung pflegen
2 Mädchen
Geschwister: eine ganz besondere Beziehung mit Hochs und Tiefs

Geschwister mit großem Altersabstand:

  • Ein größerer Altersabstand von Kindern ist besonders sinnvoll nach der Geburt von Zwillingen, pflegeintensiven, kranken oder außergewöhnlich „anstrengenden“ Kindern (Schreikinder, Kinder mit großen Schlafproblemen/sozialen Schwierigkeiten etc.)
  • Geschwister mit einem größeren Altersabstand sehen sich seltener als Konkurrenten
  • Es müssen nicht zwei Kinder auf einmal gewickelt, getragen, umsorgt werden – ältere Geschwister sind oft schon selbständiger und übernehmen gerne freiwillig für einen gewissen Zeitraum die Betreuung und das Bespielen der Kleinen
  • Der mütterliche Körper hat zwischen den Schwangerschaften genügend Zeit sich zu regenerieren (besonders von Vorteil, wenn die Geburt sehr langwierig, traumatisch und mit größeren Verletzungen verbunden war)
  • Oftmals sind berufstätige Mütter bei Kindern mit größerem Altersabstand nicht so lange am Stück Zuhause und haben geringere Auszeiten vom Beruf. Dadurch verlieren sie nicht so schnell den Anschluss an die Arbeitswelt.

Moderne Familienplanung – Vor- und Nachteile der heutigen Gesellschaft

Sollte es nicht vielmehr so sein, dass jedes Elternpaar – unabhängig von Ratschlägen oder wissenschaftlichen Statistiken – für sich entscheidet, wann es erneut Zeit für ein Kind ist und wie hoch die Kinderzahl überhaupt ist? Haben beide Eltern einen Kinderwunsch, fühlen sich ihrem familiären und beruflichen Alltag gewachsen und sind sowohl gesundheitlich als auch finanziell in der Lage ein Kind mit Fürsorge und Liebe groß zu ziehen, dann sollten sie das auch tun dürfen – oder nicht?

Ganz so einfach ist es nicht. Denn irgendwie scheint es „den“ richtigen Moment nicht zu geben, wenn man sich überlegt ob ein weiteres Kind in die aktuelle Lebensplanung passt. Da wird abgewogen, wie sich ein weiteres Kind auf die Karriere-Planung auswirkt. Und ob man sich erneut in die Abhängigkeit von Windelwechsel, durchwachten Nächten und trotzenden Kleinkindern begeben möchte. Individuelle gesundheitliche Probleme und der Trend um die Spätgebärenden mit den damit verbundenen Risiken tun ihr Übriges, um die Debatte um verwöhnte Einzelkinder, zankende Geschwisterkinder und Großfamilien anzuheizen. Und was ist mit der gesamten Familienkonstellation? Wie verändert sich der Alltag für die Eltern und die bereits vorhandenen Kinder, wenn erneut Nachwuchs geplant ist? In Zeiten von Babypille und durchgeplantem Karriere-Management überlässt man gerade das Kinderkriegen nur selten dem Zufall!

Geschwister-Theorien und persönliche Erfahrungen

Wegen der steigenden Zahl von Patchwork-Familien nimmt auch die Zahl von Nachzüglern und Nesthäkchen mit einem großen Altersabstand zu den Geschwister-Kindern zu. Vorteil dieser Konstellation ist oft, dass die größeren Kinder verantwortungsvoll und rücksichtsvoll mit dem Nachwuchs umgehen können und sich besser auf ihre Rolle als „Held und Vorbild“ einlassen. Schwierig hingegen gestalten sich im Alltag die verschiedenen Bedürfnisse, denen es in jeder Altersspanne gerecht zu werden gilt. Dass man bei Nachzüglern nochmal von vorne mit der Baby-Versorgung anfangen muss, ist für manche ein Segen. Sie dürfen sich noch einmal auf diese einmalige und zeitlich sehr beschränkte Zeit konzentrieren und alles nochmal „bewusster“ mit Abstand und Reife erleben. Für andere bedeutet das „späte Kind“ ein Zurückfallen in die Abhängigkeit und den Verzicht auf Schlaf und Eigenständigkeit.

Schwangere Frau mit älterem Mädchen
Von Anfang an verbunden: Ältere Geschwister und das „neue“ Baby

Ich selbst habe 3 Kinder. 2 davon mit meinem Ex-Mann, wobei der große Junge 10 Jahre und das Mädchen 7 Jahre alt ist und mit denen ich einige Jahre lang als alleinerziehende Mama gelebt habe. Als ich meinen jetzigen Lebenspartner kennenlernte war bald klar, dass wir uns auch zusammen noch ein Kind vorstellen können. Für ihn war ich gewillt, mich freiwillig nach langer Babypause wieder in den Windelwahnsinn zu begeben. Wenngleich ich auch zu Anfang von Ängsten und Sorgen geplagt wurde, da ich doch bereits wusste, was nun in den nächsten Jahren auf mich zukommen wird. Und ehrlich gesagt schmerzte es schon ein wenig, die inzwischen erkämpften Freiheiten durch das Größerwerden der Kinder wieder aufgeben zu müssen. Aber der Mut hat sich gelohnt! Der kleine Nachzügler ist quasi ein „Kind für alle“ – ich zehre von meinen Erfahrungen, bin viel gelassener und erlebe alles bewusster als bei den ersten Kindern. Auch die Babyzeit meiner Tochter konnte ich aufgrund der altersmäßigen Nähe zu ihrem Bruder nicht so genießen, da der Große zu diesem Zeitpunkt einfach auch noch zu viel Mama brauchte. Doch das ist nun anders. Die älteren Kinder sind aus dem Gröbsten raus und zehren, jeder für sich, von den Vorteilen, die es mit sich bringt, als großer Bruder bewundert zu werden und als mittlere Tochter nun nicht mehr die Kleinste der Familie zu sein.

Ideal trifft auf Normal: Wunschvorstellung und Wirklichkeit

Jede Altersspanne unter Geschwistern bringt Vor- und Nachteile mit sich, das ist klar. Von Entwicklungspsychologen empfohlen gilt jedoch ein Abstand von 3 Jahren unter Geschwistern als ideal, da hier das Konkurrenzverhalten geringer ist und jedem Kind leichter seine Bedürfnisse erfüllt werden können.

Rivalität unter Geschwistern kommt hingegen bei geringem Altersabstand am häufigsten vor. Besonders hoch ist das Konkurrenzverhalten, glaubt man dem Geschwisterforscher Hartmut Kasten, wenn es sich um gleichgeschlechtliche Kinder handelt. Doch wie kann man geschwisterlicher Rivalität entgegenwirken? Der Berliner Psychoanalytiker Horst Petry beklagt in „Geschwister – Liebe und Rivalität“ den kollektiven Verlust von Geschwistern in unserer heutigen, vom Egoismus geprägten Kultur. Er sieht das ewige Zanken unter Geschwistern als Vorteil für die soziale Entwicklung an, da sich die Kinder hier in Gerechtigkeit üben und Durchsetzung behaupten, was im gesellschaftlichen Miteinander unabdingbar ist. Für Eltern von sich ewig streitenden Kindern ist das allerdings nur ein schwacher Trost.

Kleinkind und Baby
Wenn ein Baby geboren wird, sind ältere Geschwister oft zwischen Freude und Eifersucht hin und her gerissen

Es ist leider für die Eltern nicht schön, aber völlig normal, wenn Zwei- und Dreijährige auf die Nachricht, ein Geschwisterchen zu bekommen, nicht mit Freude sondern Wut und Angst reagieren. In diesem Alter können Kinder ihre Bedürfnisse noch nicht zurückstecken. Auch nicht, wenn die Mutter ruhig erklärt, dass das „größere“ Geschwisterchen doch vernünftig sein soll und noch einen Augenblick warten muss, da das Baby gerade gewickelt wird oder weint. Besonders in diesem Alter muss darauf geachtet werden, dass man das vermeintlich ältere Kind nicht überfordert. Es ist und bleibt ein kleines Kind und benötigt ebenso wie das neue Baby Zuwendung, Kuscheleinheiten und vor allem viel Zeit und Verständnis. Dessen sollten sich Eltern bewusst sein, wenn sie sich für schnell aufeinanderfolgende Geburten entscheiden. Manchmal verlagert sich die Wut über die „Entthronung“ durch den Neuankömmling auch und zeigt sich darin, dass plötzlich der Vater bevorzugt oder das Haustier gepiesackt wird. Verbreitet ist auch das Zurückfallen in kleinkindliche Verhaltensmuster, womit das Erstgeborene mehr Aufmerksamkeit von den Eltern fordert.

Von den „Großen“ und den „niedlichen“ Nachzüglern

Voraussetzung für eine reibungslos beginnende Geschwisterbeziehung ist in jedem Alter, dass Eltern, Verwandte und Freunde nicht in die typische Baby-Falle tappen und ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den „süßen“ kleinen Nachwuchs verlagern. Wichtig ist zudem, dass auch bei einem großen Altersabstand die älteren Kinder nicht zum neuen „Babysitter“ gemacht werden, weil es ja so schön praktisch ist, schon ein großes, verantwortungsvolles  Kind daheim zu haben.

Zwar benötigt der Säugling viel Zeit und Zuwendung, doch auch die lässt sich unter den Eltern aufteilen. Das ist überhaupt eine wertvolle Strategie, um verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden

Das Einführen spezieller „großer Kinder“ und „kleiner Kinder“-Zeiten, die sich je nach Möglichkeiten alle paar Wochen wiederholen sollten. Dadurch entdecken die Kinder darin eine Art Routine, auf die sie sich freuen können. Wenn ein Elternteil mit dem älteren Kind ins Kino, auf den Bolzplatz oder in den Kletterwald geht, hat der andere alle Zeit der Welt für ausgiebige Spielplatzbesuche, zum Malen oder Basteln mit dem Kleinkind. Zudem sollten die Stärken in jeder Altersspanne gefördert werden, ebenso das Ausüben von Hobbys, wodurch sich auch Geschwister unterscheiden, die nah vom Alter beieinander liegen.

Mutter unterwegs mit 2 kleinen Kindern
Gemeinsame Zeit ist wertvoll, stärkt den Zusammenhalt von Geschwistern und fördert das Familiengefühl

Im Buch „Geschwister – die längste Beziehung der Welt“ schreibt die Autorin darüber, dass die Rivalität zwischen Geschwistern mit einem Altersabstand von mindestens 5 Jahren abnimmt, zugleich jedoch die Beziehung aufgrund verschiedener Interessen und Bedürfnisse auch meistens weniger eng ist. Bei einem großen Altersabstand kann es helfen, wenn man das ältere Kind in die alltägliche Pflege des Babys mit einbezieht – sofern es das möchte. Hilft das Erstgeborene beim Wickeln, Anziehen, Füttern oder schiebt auch mal den Kinderwagen, stärkt das die Verbundenheit unter den Geschwistern und das ältere Kind fühlt sich sinnvoll gebraucht. Außerdem können zur Förderung der Verbundenheit von Geschwistern gemeinsame Aktivitäten ausgesucht werden, die altersunabhängig sind und allen Kindern Freude bereiten. Musik hören und tanzen, Bücher anschauen und vorlesen, zusammen Essen zubereiten oder das gemeinsame Malen oder Basteln an einem „Großprojekt“, bei dem jeder nach seinen Möglichkeiten kreativ etwas beisteuert. So wird der Alltag kindgerecht und altersunabhängig strukturiert und jeder wird abhängig von seinen Fähigkeiten eingebunden und findet seine individuelle Rolle im Familiengefüge.

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