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„Ich will reiten lernen!“ – Reiten für Kinder

Das Zimmer hängt voller Pferdeposter, das Regal quillt mit Pferdebüchern über und ein begeisterter Aufschrei ist zu hören, wenn man mit dem Auto an einer Pferdekoppel nur vorbeifährt. So überrascht es wenig, wenn irgendwann auch der Wunsch aufkommt, auf dem Rücken der eleganten Vierbeiner im Sommerwind über eine grüne Wiese zu reiten. Wenn dieser Traum mehr als nur eine romantische Vorstellung ist und das Kind beharrlich verlangt, Reitstunden nehmen zu dürfen und Eltern diesem Wunsch nachgeben wollen, ergeben sich viele Fragen. Was müssen wir als Erstes tun? Welche Möglichkeiten gibt es für uns? Wie teuer wird dieses Hobby?

Ein Kind umarmt ein Pferd
Kinder bauen eine innige Bindung zu den Tieren auf.
© Constanze von Kietzell

Welche Reitsportarten gibt es?

Egal, ob euer Kind noch im Kindergarten oder bereits im besten Teenageralter ist: Für einen Einstieg in das Hobby Reiten ist es nie zu spät. Auch Erwachsene, die nie auf einem Pferd gesessen haben, können sich noch in den Sattel schwingen. So können bereits Kinder ab vier Jahren unter Anleitung und durchgehender Beaufsichtigung mit dem Pferdesport beginnen. Mit Pferdesport sind alle Sportarten gemeint, die mit Ponys und Pferden ausgeführt werden. Hierzu gehören vor allem der Reitsport, das Voltigieren, der Fahrsport oder auch die Bodenarbeit. Besonders beliebt bei Kindern sind das Ponyreiten und das Voltigieren. Aber auch das Kutschefahren, was zum Fahrsport gehört, kann bereits in frühen Jahren erlernt werden. Da bei der Bodenarbeit hingegen vom Boden aus mit dem Pferd gearbeitet wird und Aufmerksamkeit, Selbstbewusstsein und der gezielte Einsatz von Körpersprache und Stimme entscheidend sind, rät es sich, diese erst ab dem Jugendalter zu erlernen. Meistens beginnt der Reitunterricht für Kinder mit dem geführten Ponyreiten. Hier wird das Pony an einer Longe geführt und das Kind kann das Tier und seine Bewegungen langsam kennenlernen und ganz in Ruhe seine Balance auf dem Ponyrücken finden. Auch das Voltigieren erfreut sich großer Beliebtheit bei den Kleinen und kombiniert die Liebe zu Pferden mit Akrobatik. Hier turnen in der Regel ein bis drei Kinder gemeinsam auf einem Pferd, was das soziale Miteinander und einen vertrauensvollen Umgang zwischen den Kindern und dem Tier fördert. In allen Fällen gehören die Pflege der Ponys und Pferde sowie theoretischer Unterricht zur Pferdehaltung zu einer guten Reitausbildung dazu und sollten von jeder Reitschule angeboten werden. So sind bürsten und striegeln, das Auskratzen und die Pflege der Hufe oder das Kämmen der Mähne Teil einer verantwortungsvollen Pferdehaltung und stärken eine fürsorgliche Beziehung zwischen Kind und Tier. Nach dem Ponyreiten und/oder Voltigieren kann ab dem Schulalter meist mühelos mit dem eigentlichen Reitunterricht begonnen werden. Je nach den Angeboten der Reitschule und den individuellen Bedürfnissen des Kindes kann Einzel- oder Gruppenunterricht genommen werden. Was die körperliche Entwicklung angeht, liegt für Kinder das beste Alter zum Reitenlernen zwischen 10 und 13 Jahren.

Kind reitet auf einem Pferd und wird dabei geführt
Auf dem Rücken der Pferde liegt das Glück der Erde!
© Constanze von Kietzell

Eine solide Dressurausbildung gehört zum klassischen Repertoire des Reitunterrichts. Später können bereits erfahrene junge ReiterInnen sich auch auf spezielle Disziplinen, wie zum Beispiel Dressur- oder Springreiten im Besonderen, konzentrieren. Auch ein Ausflug in ganz andere Reitwelten, wie unter anderem Westernreiten, ist allemal empfehlenswert. Hier kann ein anderes Verhältnis zum Pferd kennengelernt werden, was sich in der Haltung ebenso ausdrückt wie im Reitstil, dem Training oder auch der Ausrüstung.

Reiten für Kinder – welcher Aufwand steckt dahinter?

Doch bevor ihr eurem Kind das Versprechen gebt, dass es Reitstunden nehmen darf, solltet ihr euch über den Zeitaufwand im Klaren sein. Je nachdem, ob ihr in der Stadt oder auf dem Land lebt, fallen vor allem Fahrtzeiten an. Ist der Nachwuchs noch kleiner, muss er zur Reitschule/zum Reiterhof gebracht und wieder abgeholt werden – ist das jede Woche nach dem Kindergarten oder der Schule schaffbar? Seid ihr bereit, die Wochenenden dafür zu opfern? Ein Zeit- und Kosten-Kompromiss wäre, den Reitunterricht nur 1 x im Monat in Anspruch zu nehmen. Denn Reiten ist nicht nur ein zeitaufwendiges Hobby, sondern kann auch ziemlich teuer werden. Die Reitstunden an sich kosten durchschnittlich 20 Euro pro Einheit im Einzelunterricht. Bei einem wöchentlichen Training fallen so monatlich um die 80 Euro an. Günstiger wird es meist, wenn der Unterricht in kleinen Gruppen genommen wird. Hinzu kommen die Kosten für den Reiterhelm, die Reiterhose und Reiterstiefel, für die ebenfalls rund 80 Euro eingeplant werden müssen.

Ein Kind sitzt auf einem braunen Pferd
© Constanze von Kietzell

Tipp: Da Kinder schnell aus den Sachen wachsen, ist eine gut erhaltene Ausstattung oftmals günstig in Kleinanzeigen zu finden. Für die ersten Stunden reichen auch eine bequeme alte Jeans und feste, knöchelbedeckende Schuhe ohne grobem Profil und mit kleinem Absatz.

Alles geklärt – wie geht’s weiter?

Ihr habt in die leuchtenden Augen eures Kindes geschaut und “Ja, du darfst reiten lernen” gesagt. Informiert euch im Internet und über lokale Anzeigen, welche Möglichkeiten es in eurer Nähe gibt.

Ist ein Reiterhof gefunden, fahrt erst einmal zum Schnuppern hin und schaut euch alles an. Wie ist die Atmosphäre auf dem Hof? Fühlt sich euer Kind wohl? Ihr solltet euch die Pferde und die Umgebung genauer anschauen und checken, ob es genügend Tiere für alle SchülerInnen gibt, sodass die einzelnen Pferde durch den Unterricht nicht überlastet werden. Sind sie gepflegt und sehen gesund aus? Glänzendes Fell ist immer ein gutes Zeichen dafür. Die Boxen sollten sauber und groß (mindestens 3,5 x 3 m) sein und ein Fenster haben. Ein direkt angrenzender Paddock rundet das Wohlgefühl der Pferde ab. Unterhaltet euch auch mit den potentiellen ReitlehrerInnen eures Kindes. Nicht nur in Sachen Kompetenz, sondern auch hinsichtlich der Sympathie sollte es zwischen dem Nachwuchs und der lehrenden Person funken. Passt etwas nicht, sucht einen anderen Reiterhof – schließlich soll aus der Leidenschaft keine Qual werden.

Der Kopf eines braunen Pferdes mit weißer Markierung
© Constanze von Kietzell

Eine Alternative zu einzelnen Reitstunden in Schulbetrieben ist die Reitbeteiligung. Diese Form ist für alle geeignet, die sich ein eigenes Pferd zeitlich und finanziell nicht leisten, jedoch mehr als nur auf “irgendeinem” Pferd reiten wollen. Bei der Reitbeteiligung teilen sich mehrere Personen ein (privates oder Schul-)Pferd, pflegen und reiten es abwechselnd und kommen gemeinschaftlich für die anfallenden Kosten auf. Wenn ihr euch für diese Möglichkeit entscheidet, bei der euer Kind eine persönliche Beziehung zu dem Vierbeiner aufbauen und mehr Verantwortung übernehmen kann, dann fragt auf Reiterhöfen nach oder schaut in den Kleinanzeigen, wer eine Reitbeteiligung in eurer Nähe anbietet. Neben den Kosten für die Reitstunden (oftmals ist die Teilnahme an Reitstunden die Voraussetzung für eine Reitbeteiligung) kommt hier ein weiterer finanzieller Aufwand hinzu. Denn eine Reitbeteiligung kostet, je nach Pferd, PferdebesitzerIn und Region, monatlich zwischen 50 und 150 Euro. Dabei werden die Ausgaben für Futter, Stallmiete, Tierarzt und Hufschmied einbezogen. Die gemeinsame Pflege eines Pferdes sollte vertraglich geregelt sein.

Ferien auf dem Reiterhof

Ob für kleine Reitanfänger oder bereits erfahrene, jugendliche ReiterInnen – Ferien auf dem Reiterhof sind stets ein tolles und lehrreiches Abenteuer. Familien mit kleinen Kindern können dies als gemeinsamen Urlaub gestalten, in dem auch die Eltern Reitstunden nehmen und die Liebe der Kleinen zu den faszinierenden Einhufern teilen können. Für bereits größere Kinder und Jugendliche sind Ferien auf dem Reiterhof eine wunderbare Möglichkeit, um Zeit mit ihren Lieblingstieren und mit Freundinnen und Freunden zu verbringen. Hier wird gemeinsam Unterricht genommen, es werden Ausritte gemacht und jede Menge Zeit an der frischen Luft verbracht. Es gibt die Gelegenheit, verschiedene Pferde kennenzulernen und sich unmittelbar miteinander über die Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen. Nicht zuletzt entstehen hier Freundschaften fürs Leben oder doch zumindest für eine gewisse Zeit und das Reiseziel für die nächsten Ferien ist dann auch schon ganz klar.

Ein Kind führt ein braunes Pferd, dabei weht der Wind die Haare des Mädchens durch ihr Gesicht
© Constanze von Kietzell

Vom Ponyreiten zu Turnieren

Der Sprössling ist beim Reiten gut dabei und wird vom Ehrgeiz gepackt. Die einfachen Reitstunden reichen schon lange nicht mehr aus, das eigene oder halbeigene Pferd wird bestens versorgt und das Kind strebt nach Höherem. Dann habt ihr, bzw. euer Kind, die Möglichkeit, Reitabzeichen zu machen und an Turnieren teilzunehmen.

Es gibt im Reitsport mehr als 50 Abzeichen, die durch theoretische und praktische Prüfungen sowie über Erfolge bei Turnieren erworben werden können. Das einfachste Abzeichen ist das Reitabzeichen 10. Hier wird bei der Prüfung an der Longe oder am Führzügel geritten und euer Kind muss sich in der Pflege eines Pferdes auskennen sowie beim Satteln und Trensen helfen. Im nächsten Schritt, beim Reitabzeichen 9, entfallen Longe oder Führzügel und der Nachwuchs muss alleine reiten, das Pferd ordnungsgemäß führen können und auch Wissen über das Verhalten der eleganten Vierbeiner besitzen. Die Prüfungen werden bis zum Reitabzeichen 1 immer anspruchsvoller, was den Ehrgeiz besonders anspornt. Zudem können Longierabzeichen, Voltigierabzeichen, Fahrabzeichen oder auch Westernabzeichen erworben werden. Die Reitabzeichenlehrgänge und die Prüfungen werden von den Vereinen angeboten.

Eine weitere Möglichkeit, um das Hobby professionell auszubauen, sind Turniere. Der Turniersport wird in Deutschland von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (kurz: FN, “Fédération Équestre Nationale”) organisiert. Sie gibt auch die alle vier Jahre erscheinende Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) heraus, nach der sich alle Turnierreitenden zu richten haben. Hier sind auch die Voraussetzungen und die Kriterien für den Wettbewerb oder die Leistungsprüfung zu finden. Bei den Turnieren ist es möglich, weitere Reitabzeichen zu erwerben.

Kind beim Striegeln eines Pferdes
Die Pflege der Pferde gehört zu gutem Reitunterricht dazu!
© Constanze von Kietzell

Reitsport – Ein Blick in die Zukunft

Reiten muss kein Hobby sein, das später aufgrund von Zeitmangel an den Nagel gehängt wird. Es gibt inzwischen sogar Studiengänge, die sich mit den edlen Einhufern beschäftigen und die die Chancen, die Passion zum Beruf zu machen, erhöhen. In Nürtingen, Osnabrück, Göttingen, Berlin und Wien kann das Studium der Pferdewissenschaften aufgenommen werden. Nach dem erfolgreichen Abschluss bieten sich weitgefächerte Tätigkeitsfelder auf Gestüten, in Behörden, Zuchtverbänden, in der Versicherungswirtschaft oder im Journalismus an. Eine weitere Berufsmöglichkeit bietet die Reiterstaffel der Polizei. In manchen deutschen Bundesländern sowie in einigen Schweizer Kantonen können sich bereits ausgebildete PolizeibeamtInnen intern für die Ausbildung im berittenen Polizeidienst bewerben. Neben den klassischen Berufen, wie TiermedizinerIn, HufbeschlagschmiedIn, SattlerIn oder PferdewirtIn, können auch menschenfokussierte Berufe, wie PhysiotherapeutIn, HeilpraktikerIn oder FotografIn, auf Pferde spezialisiert werden. Ein weiteres großes Feld zwischen Menschen und Pferden ist das therapeutische Reiten. Denn auch über den sportlichen Bereich hinaus sind Pferde liebevolle und treue Freunde des Menschen. So eignen sie sich wunderbar als Therapietiere und das therapeutische Reiten erfreut sich großer Beliebtheit. Hier steht nicht das Reiten als aktive sportliche Disziplin im Mittelpunkt, sondern das Miteinander von Tier und Mensch. Mit ihrer ruhigen und sozialen Art sind speziell ausgebildete Therapiepferde und gelernte ReittherapeutInnen wunderbare Begleiter in Heilungsprozessen. Das Besondere am therapeutischen Reiten ist das direkte körperliche Miteinander von Mensch und Tier. Dadurch gibt es eine unmittelbare Übertragung der Muskelspannungen und Bewegungen beider aufeinander. Da es sich um ausgebildete Therapiepferde handelt, sind sie Profis darin, eine geborgene und vertrauensvolle Beziehung zum Gegenüber aufzubauen und viel Halt und Sicherheit zu gewähren. Körperlich, emotional, geistig und sozial steht beim therapeutischen Reiten die Entwicklungsförderung im Mittelpunkt und wirkt mitunter Wunder, wenn es darum geht, Kindern wie auch Erwachsenen dabei zu helfen, einen Umgang mit ihren Ängsten zu finden und ihnen Vertrauen in die Welt zu schenken.

Danke an Kati, Ciao Bella und Cécile – von Conny und Massumeh.

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