Ohrloch stechen bei Kindern – Körperverletzung oder normaler Schmuck?

Ohne Notwendigkeit wird Kindern das Ohrläppchen durchstochen und Schmuck hineingesteckt. Für die einen grenzt das an Körperverletzung, die anderen haben keinerlei Bedenken. Das Thema wird in unserem Kulturkreis viel diskutiert und jede Seite hat ihre stichhaltigen Argumente. Doch was sagt die Rechtsprechung zum Ohrloch stechen bei Kindern? Ab welchem Alter sind Ohrstecker oder gar Piercings okay? Und an wen sollten sich Eltern mit ihren Kindern wenden, wenn nichts mehr gegen den Modeschmuck spricht?

Die Meinungen zum Ohrloch stechen gehen weit auseinander

Ohrringe oder Ohrstecker zu tragen ist nichts, was die Welt bewegt. Was bewegt, ist aber das Alter des Menschen, der diesen Schmuck trägt. Während bei einer erwachsenen Person niemand hinschaut, sofern der Schmuck nicht außergewöhnlich designt oder in einer hohen Anzahl vorhanden ist, schlägt die Empörung bei Kindern hohe Wellen. Oft kommt es hierzulande zu Mahnungen und Beschimpfungen, wenn jemand seinem Kind Ohrlöcher stechen lassen will und nach Meinungen fragt. Dabei gehört das Loch im Ohrläppchen zu einem der unkompliziertesten Piercings.

Im Jahr 2011 kam es zu der Petition “Verbot des Stechens von Ohrringen bei Kindern unter 7 Jahren” mit immerhin knapp 1000 Unterzeichnenden. Der Deutsche Bundestag lehnte ab – er sähe das “körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes [nicht] gefährdet.” Das Wohl ist nur dann gefährdet, wenn sich bei “der weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt.” Demnach können schon Neugeborene Ohrringe tragen, sofern die Eltern dies möchten. Aber: Ohne Beisein und Einwilligung der Eltern macht sich das ausführende Personal jedoch laut § 223 Strafgesetzbuch strafbar.

Aus medizinischer Sicht macht es wohl keinen Unterschied, ob Ohrlöcher schon sehr früh oder erst im Erwachsenenalter gestochen werden. Die Frage ist eher: Dürfen dem Kind ohne seine Einwilligung und ohne Notwendigkeit Schmerzen zugefügt werden? Neben dieser moralischen Frage spielt auch die psychische Ebene eine große Rolle. Das Ohrloch stechen kann ein Trauma nach sich ziehen. Sei es, weil das Kind festgehalten wird und im nächsten Moment Schmerzen spürt, sei es, weil sich die Wunde entzündet und nicht abheilt. Zudem dürfen frische Ohrlöcher über Wochen nicht angefasst werden – je kleiner das Kind, umso größer die Gefahr, dass es den Ohrstecker herauszieht.

 

Baby mit Ohrringen
Dieses Baby scheint schon sehr früh Ohrlöcher bekommen zu haben – oder sind die funkelnden Ohrringe nur angeklippt?

Welches Alter eignet sich am besten, um Kindern ein Ohrloch stechen zu lassen?

Diese Frage lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Einige Eltern sind der Meinung, das Babyalter ist die beste Zeit, da sich Kinder später nicht mehr an den Schmerz erinnern können (ein Trugschluss, wenn der Schmerz mehrere Wochen anhält). Doch viele fachliche Positionen empfehlen, bis zu einem Alter zu warten, in dem das Kind die Entscheidung bewusst treffen und mit den Konsequenzen umgehen kann. So lehnt zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Piercing das Ohrloch stechen bei Kindern unter 14 Jahren gänzlich ab.

Anderen Piercingstudios und fachärztlichem Personal reicht es, wenn Kinder den Wunsch klar äußern können und verstehen, dass er mit Schmerzen verbunden ist. Solange das Kind unter 14 Jahre ist, sind in jedem Fall die Anwesenheit sowie die schriftliche Einverständniserklärung der Sorgeberechtigten erforderlich. Zudem sollte das Kind gesund sein.

Ist die Entscheidung gefallen, bereits im frühen Alter das Kind mit Ohrringen zu schmücken, so sollten die ersten Impfungen abgewartet werden. Vor und bei dem großen Ereignis selbst empfiehlt es sich, auf die passenden Begriffe achten. “Ohrloch schießen/stechen” kann durch “Ohrloch setzen/machen” ausgetauscht werden, statt “Pistole” und “Nadel” “Ohrlochgerät” oder “Ohrlochsetzer”. Das nimmt den Schrecken und beunruhigt die Kinder nicht unnötig.

Obwohl ich keinen Ohrstecker mehr trage, äußerte meine Tochter mit 8 Jahren den Wunsch nach Ohrlöchern. Da sie jedoch gerade mit dem Schwimmunterricht begann und die frischen Wunden nicht ins Wasser dürfen, musste sie sich gedulden. Als die letzte Schwimmstunde vorbei war und der Wunsch nach wie vor da, bekam sie, mit 9 Jahren, ihre Ohrlöcher. Mir war wichtig, dass sie genau weiß, was passiert und passieren kann, wenn es schief läuft, sodass sie sich bewusst dafür entscheiden konnte. Bereut haben wir es beide nicht.

Ohrloch stechen: Wer macht’s und wie teuer wird es?

Ohrlöcher lassen sich in einigen Juweliergeschäften, in Piercingstudios sowie in HNO-Praxen oder beim allgemeinmedizinischen Fachpersonal stechen. Hier sind jedoch Hygiene und Erfahrung wesentliche Faktoren, die bei der Wahl berücksichtigt werden sollten. Piercingstudios stehen in Sachen Sauberkeit den ärztlichen Praxen in nichts nach. Für viele Ärzte und Ärztinnen gilt jedoch, dass Ohrlöcher stechen nicht zum Tagesgeschäft gehört. Piercer und Piercerinnen bringen hier wesentlich mehr Erfahrung und Kompetenzen mit, darüber hinaus sind sie auf dem neuesten Stand, was Verfahren und Methoden rund um den sich ständig entwickelnden Körperkult betrifft.

Die Preise für das Loch im Ohrläppchen schwanken zwischen 5 Euro im Juweliergeschäft und rund 25 Euro im Piercingstudio, wo meist noch Erststecker, Kontrolltermine und Wechsel zu den gewünschten Ohrringen enthalten sind. Die notwendigen Erststecker bestehen aus Titan, Chirurgenstahl oder Echtgold, sodass eine Unverträglichkeit des Materials nahezu ausgeschlossen werden kann.

 

Mädchen mit Ohrringen
Die Vielfalt an Ohrringen macht den Schmuck so beliebt.

Es ist soweit: Der Nachwuchs bekommt Ohrlöcher

Wenn möglich, sollte das Kind vor dem Termin Kleidung tragen, die nicht über den Kopf ausgezogen werden muss, wie Sweat- und Strickjacken oder Poloshirts mit Knopfleiste. Zum Termin werden Eltern und Kind über Art und Umfang des Eingriffs sowie Risiken aufgeklärt und müssen die Einwilligung unterschreiben. Danach geht es los: Die Ohrläppchen werden wie die Hände des Fachmanns bzw. der Fachfrau desinfiziert. Nadel und Erststecker sollten sich in einer sterilen Packung befinden. Das Ohrloch schießen (mit einer Ohrlochpistole) beinhaltet die Gefahr, dass das Gerät nicht komplett sterilisiert werden kann. Zudem wird der Ohrstecker mit Druck durch das Gewebe gepresst, wodurch es zerstört wird. Schonender und zudem hygienisch unbedenklicher ist die Nadel-Variante, da sie im Gegensatz zur Pistole nur einmal Verwendung findet.

Ist das Loch gesetzt, kommt der Erststecker für 6 Wochen hinein. Am Ohrläppchen verheilt das Piercing besonders schnell, weshalb es vermutlich schon für Kinder so beliebt ist. Die gute Durchblutung und die fehlende Belastung durch Reibung und Druck fördern die schnelle Heilung. Hierfür müssen die Ohrlöcher 2x täglich für etwa 2 Wochen mit einer antiseptischen Lösung desinfiziert werden. Solange die sogenannten Gesundheitsstecker im Ohr sind, sollten sie nicht angefasst oder gedreht werden. Auch Haare waschen in den ersten Tagen und Baden gehen in den ersten Wochen sind tabu – es herrscht erhöhte Infektionsgefahr. Nach den 6 Wochen werden die ersten Stecker durch die eigentlichen Stecker oder Kinderohrringe ersetzt. Während der ersten Monate ist es wichtig, dass der Ohrschmuck nicht herausgenommen wird, da das Loch wieder zuwachsen kann – auch über Nacht. Erst nach rund 5 Monaten ist die Wunde komplett verheilt, sodass die Löcher nicht mehr zuwachsen.

Trotz guter Pflege kann es zu Entzündungen kommen, die den Heilungsprozess verlangsamen. Die Ohrlöcher eitern und die Wunde schmerzt. Sofern eine Materialunverträglichkeit ausgeschlossen werden kann, sollte das Ohr weiterhin sorgsam mit dem Antiseptum behandelt werden. Es tötet zeitgleich Keime und pflegt die Wunde. Wird die Entzündung nicht besser oder sogar schlimmer, ist das Piercingstudio oder ein Arzt/eine Ärztin aufzusuchen.

 

Teenager mit Nasenpiercing
Das Mädchen hat sich ein sogenanntes Nostril-Piercing stechen lassen – eines der beliebtesten Piercings im Gesicht.

Und andere Piercings?

Neben den Lobes, wie die Ohrläppchen in der Fachsprache bezeichnet werden, gehören das Bauchnabelpiercing, das Nasenpiercing sowie das Helix-Piercing (an der oberen Ohrmuschel) zum häufigsten Körperschmuck bei Minderjährigen. Ganz so ungefährlich wie die weit verbreiteten Ohrlöcher sind diese jedoch nicht, da im Gesicht viele Nerven verlaufen. Zudem ist das Piercing am Bauchnabel Reibungen und Druck ausgesetzt. Wird ein Knorpel durchstochen, wie an der Nase oder an der Ohrmuschel, so bedarf das Piercing einer intensiven und langwierigen Pflege. Knorpelgewebe besitzen keine eigene Blutversorgung und brauchen einige Monate länger, um komplett abzuheilen. Diese sorgfältige Pflege und vorsichtige Handhabung sind Kinder oftmals nicht in der Lage zu leisten, sodass solcher Schmuck frühestens im Teenageralter diskutiert werden sollte. Möglicherweise kann das Piercing vom Körper abgestoßen werden und aus dem Bindegewebe herauswachsen, wodurch es zu einer Narbenbildung kommt. Ein Argument, das es nicht zu vernachlässigen gilt, wenn Jugendliche darauf bestehen, sich löchern zu lassen.

 

Kleinkind mit Ohrring
Ein niedlicher Schildkrötenohrring schmückt die Ohren dieses Kleinkindes.

Kinderohrringe ganz ohne Pieksen

Zu “echten” Kindersteckern, für die Ohrlöcher benötigt werden, gibt es auch eine Alternative. Sogenannte “Ohrclips” werden einfach an das Ohrläppchen geclippt und bieten optisch kaum einen Unterschied. Allerdings können diese nach einer Weile drücken oder leichter abfallen. Außerdem gibt es offene Ohrringe, die an der Ohrmuschel wie eine Klammer sanft zusammengedrückt werden und dadurch Halt bekommen. Neben dem Ohrschmuck kann der Körper aber auch mit Armbändern und Ketten verschönert werden.

 

 

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