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Geschlechterklischees unter dem Weihnachtsbaum – Warum Jungen mit Puppen spielen und Mädchen Raketen zusammenbauen sollten

Alle Jahre wieder beginnt die Suche nach einem geeigneten Weihnachtsgeschenk für den Nachwuchs. Vermutlich alle, die schon mal nach einem passenden Geschenk für ein Kind gesucht haben, wissen, dass dies kein einfaches Unterfangen ist. Zumindest nicht mehr, wenn die Kinder anfangen, spezifische Wünsche und Vorlieben zu haben. Während bei Babys und Kleinkindern gilt ‚Je bunter und lauter, desto besser‘, verhält es sich bei den größeren Kids viel schwieriger. Die lassen sich meist nicht mit irgendeiner Puppe oder irgendeinem Buch abspeisen. Sie wollen eine ganz bestimmte Puppe mit bestimmten Features und einen ganz bestimmten Band aus einer ganz bestimmten Reihe von Büchern. Kaum hat diese unsägliche Phase begonnen, stehen die Schenkenden einer beinahe unmöglichen Aufgabe gegenüber.

Das liegt zum einen daran, dass sich der Geschmack von Kindern schneller ändert, als man seine Bestellung abschicken kann. In einem Moment sind Barbies das absolute Lieblingsspielzeug, neben dem alle anderen Spielsachen uninteressant sind. Im nächsten Moment sind plötzlich Experimentierkästen hoch im Kurs. Wer soll da nur mitkommen?

Aber auch das immense Angebot, dass der Spielzeugsektor bietet, stellt eine große Herausforderung dar. Denn auch hier stellt sich die Frage: Wer soll da nur mitkommen?

Was hübsche Prinzessinnen und mutige Ritter mit Geschlechterklischees zu tun haben

Den gängigen Geschlechterklischees entsprechend bekommen Mädchen klassischerweise Puppen und das entsprechende Zubehör, Bücher mit Feengeschichten und Spielküchen geschenkt. Für die Jungs gibt es Autos, Dinosaurier oder Modellbau-Sets. Doch dem begrüßenswerten gesellschaftlichen Wandel, der Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen und Männern anstrebt, ist genau diese klischeehafte Art des Schenkens ein Dorn im Auge – und das nicht ohne Grund.

Indem Kinder in zwei voneinander getrennten Lagern als hübsche Prinzessinnen oder mutige Ritter großgezogen werden, werden klassische Rollenbilder reproduziert. Da gibt es süße, brave und höfliche Mädchen einerseits und abenteuerlustige, mutige und aktive Jungs andererseits. Zu einem nicht unbedeutenden Teil erfolgt das natürlich auch über das Spielzeug der Kinder, das genau diese vermeintlichen Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen zur Vermarktung nutzt.

Collage mit einem als Ritter verkleideten Jungen und einem als Prinzessin verkleideten Mädchen
Während Jungs als Ritter Abenteuer erleben, widmen sich Mädchen vor allem ihrem Prinzessinnen-Look

Spielzeuge für Mädchen fördern in der Regel die sozialen Kompetenzen und die Kreativität und konzentrieren sich oftmals auf das äußere Erscheinungsbild – man denke da etwa an Schmuck-Bastelsets, Malbücher mit Modemotiven oder an einen Spiel-Schmink- und Frisiertisch mit Spiegel, Schminke und Föhn.

Für Jungen kommt so was natürlich nicht infrage. Ihr Spielzeug ist darauf ausgerichtet, das räumliche Denken und die Motorik zu fördern und den Entdecker- und Abenteuergeist zu wecken – zum Beispiel mit Experimentierkästen, einer Spiel-Werkbank oder mit Modellbau-Sets.

In Spielzeugläden wird diese Aufteilung nach Geschlechtern besonders plakativ umgesetzt: In der rosafarbenen Ecke finden sich Ponys, Barbies und Prinzessinnenzubehör, in der anderen Dinosaurier, Autorennbahnen und Ritterburgen – wie sich das eben gehört. Dass es eine scharfe Grenze zwischen Rosa und Blau gibt, nehmen natürlich auch die Kinder wahr. Zielstrebig steuern sie auf den ihrem Geschlecht entsprechenden Bereich zu. Aber woran liegt das?

Kinder ahmen nach, was sie beobachten und selbst erfahren. Das gilt auch für Geschlechterklischees. Sie sind wahnsinnig sensibel für äußere Einflüsse und nehmen ihre Umwelt ganz genau wahr. Sobald sie ihre eigene Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht begreifen, verstehen sie auch sehr schnell, was von ihnen im Hinblick darauf erwartet wird.

Ein Beispiel: Kleine Mädchen, denen immer wieder gesagt wird, wie hübsch sie sind, werden schnell begreifen, dass sie nicht für ihren Mut oder ihr Talent gelobt werden, sondern für ihr Aussehen. Mit der Zeit werden sie dieses Verhalten (zumindest teilweise) übernehmen und ihr Aussehen als wesentlich für ihre Persönlichkeit begreifen. Dabei zeichnen sich doch auch Mädchen durch mehr als ihr süßes Gesicht, ihre hübschen Kleider oder ihre gemachten Haare aus. An dieser Stelle kann man sich auch fragen, wie oft man zum Beispiel zu einem Jungen sagt, dass er hübsch aussehe – vermutlich nie.

Alles eine Frage der Balance

Was bedeutet all dies nun aber für die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum? Sollte man Mädchen keine Puppen mehr und Jungen keine Autos mehr schenken? Sollte man diese vermeintlich geschlechterspezifischen Spielzeuge vielleicht sogar verbieten?

Nein, es geht vielmehr darum, das richtige Gleichgewicht zu finden.

Auch Mädchen profitieren vom kreativen Rollenspiel mit dem Puppenwagen, weil sie dabei ihrer Fantasie freien Lauf lassen und spielerisch ihre sozialen Kompetenzen fördern können. Das Gleiche gilt natürlich auch für Jungen, nur dass diese viel seltener die Chance dazu bekommen oder gar dazu ermuntert werden. Die typischen ‚Jungsspielsachen‘ stärken hingegen das räumliche Denken und die Feinmotorik, Eigenschaften, die auch für Mädels sehr förderlich sind.

Nicht (nur) entsprechend den Geschlechterklischees zu schenken, soll in diesem Kontext kein Zwang, sondern eine Chance sein. Man darf und sollte einfach beides schenken – also mit und entgegen der jeweiligen Geschlechterzuordnung. Auf diese Weise können Kinder nämlich nicht nur ganz konkret ihre Entwicklung vielseitiger fördern, sie werden auch dazu angeregt sich frei(er) – von Geschlechterklischees und Stereotypen – zu entwickeln.

Fußballspielende Kinder
Beim Fußballspielen haben Mädchen genauso viel Spaß wie Jungen

Dazu müssen wir die Kinder aber auch ermutigen aus den starren Rollen herauszutreten – vor allem die Jungs. Während abenteuerlustige Mädchen, die Fußball spielen und ein Modellflugzeug nach dem anderen zusammenbauen schon wieder cool sind, wird Jungen, die gerne mit Puppen spielen oder Kleider anziehen nicht die gleiche Akzeptanz oder gar Anerkennung zuteil. Dabei ist es doch auch für die Jungen von Vorteil, wenn sie ihr Sozialverhalten und ihre Kreativität im Spiel fördern können.

Weihnachten als Chance für das Out-Of-The-(Geschlechter-)Box-Denken

Bei der Suche nach dem richtigen Weihnachtsgeschenk gilt generell: Es muss passend für das jeweilige Kind und sein Alter sein. Mädchen wie Jungen sind vielschichtig und lassen sich nicht nur durch ihre Zugehörigkeit zu einem Geschlecht definieren. Sie haben ganz individuelle Interessen, Stärken, Wünsche und Vorstellungen, auf die Rücksicht genommen werden sollte.

Wir sollten uns beim kommenden Weihnachtsshopping also einfach mal trauen, die Grenze zwischen Rosa und Blau zu überschreiten, damit mutige Ritter mit Puppen spielen und wissbegierige Prinzessinnen Raketen zusammenbauen können.

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